Wie ich zu dieserart Kur kam? Ich beschäftigte mich schon seit ich 17 war mit Yoga. Dann sah ich im Kino einen Dokumentarfilm über Ayurveda. Ich war so fasziniert und hatte den Wunsch: Das will ich auch mal am eigenen Leib erleben! Als in der Bio-Zeitschrift "Schrot und Korn" der Artikel mit Tagesablauf und Adresse vom Hospital in Trivandrum erschien, wurde das Vorhaben konkret.
2 Jahre lang beschäftigten mich die Fragen: wann, wohin und mit welchem Geld? Wie kann den Aufenthalt in Indien so wählen, dass er in mein Berufs- und Privatleben passt?
Dass die Kur notwendig war, stand außer Zweifel. Ich bin 42, seit 25 Jahren Diabetikerin und habe seit 3 Jahren eine Insulinpumpe. Außerdem alleinerziehend mit zwei Kindern und berufstätig. Ich habe zwar keine diabetischen Spätschäden und fühle mich im Vergleich zu anderen Diabetikern sehr fit. Aber bin wiederum krankheitsanfälliger und nicht mehr so leistungsfähig wie vor 10 Jahren. Die Kuren in Deutschland vermittelten mir zwar immer viel Wissen, aber für mich selbst war nicht genug Zeit. Außerdem fehlten mit authentische Fachkräfte für die körperliche Entspannung, die ich wollte. Da ich von Beruf Motologin bin und selbst an einer Körperbehindertenschule Kinder kreativ bewege und entspanne, suchte ich auch für mich einen ganzheitlichen Erholungsansatz.
Nachdem klar war, dass ich im Januar 2006, 4 Wochen nach Cochin ins Hospital komme, ich alles bedacht, organisiert und gepackt hatte, bekam ich plötzlich die Krise. Keiner begleitet mich! Ich bin noch nie ohne Mann, Freundinnen oder Kinder gereist. Und dann außerhalb Europas! Was ist, wenn die Insulinpumpe versagte, wenn ich eine Unterzuckerung bekomme und keiner weiss, was mit mir los ist. Und ich mit meinem diletantischen Englisch! In der Nacht bekam ich alle möglichen Beschwerden und mußte feststellen, dass sie rein psychosomatischer Natur waren und dass ich einfach nur Angst hatte. Ich und Angst! Und dann noch vorm Reisen - das ist ja lächerlich. Aber es war so und ich musste sie mir eingestehen. Der graue und kalte Januar gab mir aber dann den notwendigen Schubs.
Fort schwebte ich wie auf Wolken im doppeltem Sinne. Im Flugzeug hörte ich Ohr an Ohr mit meiner afghanischen Nachbarin MP3-Player, beim Zwischenstopp lud mich eine indische Familie zum Essen ein - Welcome in India! - und nachts um 5 Uhr entschuldigte sich der 18-jährige Inder neben mir endlich, dass er jetzt zu müde sei, um mich zu unterhalten.
In Cochin wartete schon der Fahrer und brachte mich, belustigt vom hiesigen Verkehr und erfreut über die tropische Wärme, zum Hospital. Ja, mich empfing in Indien eine völlig andere Krankenhauswelt. Der Bau war paradiesisch gelegen inmitten von Palmen und Dschungelgeräuschen. Großzügige, saubere Zimmer. Um 5 bis 10 Patienten kümmern sich 12 Leute. Man hatte eine persönliche Krankenschwester, die daran dachte, einem die Medizin zu bringen, die einen wusch und den Kopf, die Füße oder das Gesicht massierte. Morgens wurde man mit Tee am Bett geweckt, um 11 Uhr gabs ein Glas frischgepessten Obstsaft ans Bett. Dann die herrlichen vormitttäglichen 1,5 stündigen Massagen von 2 Personen , nachmittags war meist auch noch eine...von so etwas hatte ich immer geträumt!
Durch diese unaufdringliche, achtungsvolle und umfassende Fürsorge fühlte ich mich endlich als Subjekt und nicht wie so oft in Deutschland als das Objekt im Gesundheitssystem. Erst wollte ich dieses "bedient werden" gar nicht so richtig annehmemen. Aber dann wurde mir klar, genau dieses umsorgen, füttern, auf alles achten machte ich ja auch täglich auf meiner Arbeit. Jetzt konnte ich mal auftanken.
Durch dieses entspannende Umsorgtsein hatte ich den Kopf frei, um mich mit dem Blutzucker zu beschäftigen. Endlich mal wieder Buch führen. So konnte ich viel besser Schwankungen ausgleichen. Nach einer Woche war ich schon völlig happy. Ich hatte drei Kilo abgenommen und brauchte viel weniger Insulin. Am Ende waren es 6 Kilo und nur noch die Hälfte des vorherigen Insulinbedarfs. Man diskutierte hier zwar nicht jeden Wert mit dem Arzt, aber ich hatte den Eindruck, sie hatten die durchschnittliche schulmedizinische Ahnung vom Diabetes wie bei uns.
Bei den täglichen Massagen hatte ich das Gefühl, alle negativen Erlebnisse der Vergangenheit und aufgestauten Spannungen wurden aus mir heraus massiert. Ich verstärkte das noch durch autosuggestive Entspannungstechniken. Wenn mich der Arzt bei der Visite fragte wie es mir gehe, antwortete ich vier Wochen lang: Ich bin happy und werde jeden Tag fitter. Nicht zuletzt durch das tägliche frühmorgendliche Yoga. Daran änderte sich auch nichts, als ich in der dritten Woche den Stirnguss bekam, der bei den Mitreisenden auch manch unangenehme Gefühle der frühen Kindheit wieder hochkommen ließ. Ich hatte weder Heimweh noch eine zu große Lethargie, sondern war erfüllt von einer harmonischen freudigen Ausgeglichenheit.
Diese Stimmung ließ neben den Behandlungen auch Ausflüge mit unserem Driver und Spaziergänge zu. So wurde ich z.B. auf der Straße informiert, dass im benachbarten Stadion ein großes Yoga-Treffen stattfindet. Ich wurde zum Stadion geführt, zu einer Informationsausstellung und bei dem Treffen nahmen wir schließlich als Ehrengäste auf Stühlen aus rotem Samt platz.. Dann erlebten wir keralesischen Tanz, ein Gesangskonzert und die Ankunft des Obergurus in einem blumengeschmückten Mercedes. Mich beeindruckte die Ruhe und Gelassenheit der anwesenden 2000 Leute. Ein anderes Mal sahen wir geschmückte Elefanten auf der Straße. Wir liefen mit der Menschenmenge mit und konnten einem Tempelfest zuschauen mit Gebets- und Trommelzeremonien. Dann lernte ich auf der Straße "meine" indische Familie kennen: Vater, Mutter, 2 Erwachsene Töchter und ein 18 Sohn. Bei ihnen erfuhr ich indische Traditionen hautnah. Zum Beispiel eine Pudja- Meditation, bei der ein eingeladener Priester drei Stunden lang ununterbrochen sang. Das Gebet galt der bevorstehenden Hochzeit der mittleren Tochter. Diese soll im Mai mit 700 Gästen stattfinden. Nach der Meditation aßen wir gemeinsam mit Nachbarn und Familienangehörigen das traditionelle keralesische Essen auf einem Palmenblatt. Später durfte ich beim ersten Treffen der anderen Tochter mit ihrem zukünftigen Ehemann dabeisein. Sie war vielleicht aufgeregt, als dieser mit Eltern, Onkel und Tante im Taxi vorfuhr. Außerdem unternahmen wir eine halbtägigen Schiffstour durch die langen Wasserkanäle (Backwaters) vor Kochin und konnten so das Leben der Anwohner mit dem Fluß beobachten.
Aus Europa waren außer mir noch 2 Deutsche und 3 Franzosen hier. Zu den gemeinsamen Mahlzeiten auf der Dachterasse gab es oft interesannte, lustige und auch traurige Unter-haltungen. Ich hatte das Gefühl, jedes hier gesprochene Wort hat das doppelte Gewicht von zu Hause.
Als andere Menschen führen wir fort. Gelassener, gestillter, energievoller, tiefsinniger. Jetzt habe ich zu Hause noch eine Woche Zeit, um mich zu ordnen Zeitlich, gefühlsmäßig und in Bezug auf die Diabeteseinstellung. Das Neue ist den Lieben mitzuteilen. Mein Eßverhalten hat sich geändert. Es ist, als würde jetzt wirklich mein Magen und nicht mehr die Augen bestimmen, was ich esse. Ein normales Frühstück mit Kaffee und einem Brötchen: viel zu fett! Auch mein allgemeines Verhalten ist viel mehr nach innen als - wie früher - nach außen gerichtet. Meine erste Intershopjeans, die ich vor dem Beginn des Insulinspritzens trug, passt mir wieder. Ich wache morgens um 6 Uhr auf, bin völlig fit und mache Yoga. Esse brav meine Tabletten und gehe morgen wieder arbeiten. Habe in meinem Beruf die einzigartige Chance, viel von der Kur zu erzählen und zu leben. Im Ethik-Unterricht Fotos zu zeigen, beim Sport Yoga anzubieten und auf dem Wasserbett Mantras zu hören. Und am Sonnabend zu meinem Geburtstag wird ayurvedisch gekocht und meditiert. Aber danach gibt es auch noch Wein und Gespräch.
Simone M.
Februar 2006
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